Berlin - Impressionen einer Metropole Berlin, Oberbaumbrücke und Fernsehturm

Die Hugenotten
in Berlin und Brandenburg

Die Vorgeschichte
Das Edikt von Potsdam
Fazit

Die Vorgeschichte
Das nach dem Dreißigjährigen Krieg ausgeblutete und von Seuchen und Hungersnöten heimgesuchte Brandenburg, das zudem bettelarm und wirtschaftlich rückständig war, brauchte dringend Einwanderer, die bereit waren, das geschundene Land wiederaufzubauen und ihm zu einer wirtschaftlichen und kulturellen Blüte zu verhelfen.

Auch im katholisch geprägten Frankreich standen die Dinge nicht zum Besten. Die Calvinisten, denen 1598 durch das Edikt von Nantes weitreichende Bürgerrechte und - wenn auch mit gewissen Einschränkungen - die freie Religionsausübung zugestanden wurden, gerieten im Laufe weniger Jahrzehnte mehr und mehr unter Druck. Als Ludwig XIV schließlich 1685 mit dem Edikt von Fontainebleau die Verfügung seines Großvaters, Heinrich IV, widerrief, wurden aus Geduldeten über Nacht Verfolgte.

Die im Augsburger Religionsfrieden von 1555 getroffene Übereinkunft "Cuius regio, eius religio" (wessen Land, dessen Religion) oder wie es der "Sonnenkönig" auszudrücken pflegte: "Un roi, une loi, une foi" (ein König, ein Gesetz, ein Glaube), galt im Kurfürstentum Brandenburg schon seit dem Jahr 1614 nicht mehr.
Nachdem Kurfürst Johann Sigismund damals am 25. Dezember 1613 mit seinem Bruder Johann Georg im Berliner Dom vom lutherischen zum reformierten Bekenntnis konvertiert war, zwang er weder seine Untertanen noch seine Ehefrau, ihm in seiner Entscheidung zu folgen. 1614 erließ er ein Toleranzedikt, das alles Lästern und Schelten anderer Glaubensüberzeugungen unter Strafe stellte.

Von den französischen Protestanten, die nun gezwungen waren, entweder ihre Heimat zu verlassen oder aber ihrem Glauben abzuschwören, flohen innerhalb weniger Monate rund 200000 aus ihrer Heimat, um Schutz in anderen calvinistischen Gebieten zu suchen, wie in den Niederlanden, der Schweiz sowie in Berlin und Brandenburg.
Das ausdrückliche Verbot, Frankreich zu verlassen, erwies sich als nahezu wirkungslos.

Das Edikt von Potsdam
Der Große Kurfürst begriff die einmalige Chance, die sich ihm und seinem Kurfürstentum bot und erließ am 8. November 1685 das Edikt von Potsdam, das um Zuwanderer aus Frankreich werben sollte.
Wie erhofft, blieb dieser Ruf nicht unbeantwortet, denn in der Folgezeit flohen rund 20000 Hugenotten nach Brandenburg und 6000 nach Berlin.
Unter ihnen befanden sich Kaufleute, Handwerker, Künstler und adlige Offiziere, aber auch Landwirte, Gärtner, Bierbrauer, Architekten und Fachkräfte aus dem textilverarbeitenden Gewerbe. Bekannt wurde Berlin zu jener Zeit für die hier hergestellten kostbar gewirkten Bildteppiche.
Besonders wichtig waren auch die modernen und in Brandenburg bis dahin unbekannten Fertigungstechniken, über die die Réfugiés verfügten.
Es entstanden zahlreiche Manufakturen und es wurden Ateliers, Restaurants und Geschäfte eröffnet und sogar Verlage gegründet.

Das Edikt von Potsdam gewährte den französischen Glaubensflüchtlingen aber nicht nur eine neue Heimat sondern auch eine Reihe von Privilegien: Beibehaltung ihrer Sprache, eigene Geistliche und sogar Richter und damit ein eigenes Gerichtswesen, Steuerbefreiung, volle Bürgerrechte, finanzielle Unterstützung für gewerbliche Existenzgründungen, Grundstücke und kostenloses Baumaterial sowie kostenlose Ackerflächen.
Die Réfugiés dankten es der Obrigkeit mit unverbrüchlicher Loyalität - sie bezeichneten sich gern selbst als "preußische Patrioten".

Während den Neubürgern also das Wohlwollen der Hohenzollern und der gesellschaftlichen Elite sicher war, stießen die Réfugiés in großen Teilen der Bevölkerung auf Misstrauen, Missgunst und offene Ablehnung.
Sicherlich spielte auch die Angst vor Überfremdung eine Rolle, denn um 1700 war jeder vierte Berliner ein Franzose.

1689 wurde in Berlin das Französische Gymnasium eröffnet, das Kurfürst Friedrich III gegründet hatte. Auch deutsche Schüler wurden einige Jahre später aufgenommen. Bereits um 1800 waren zwei Drittel der Schüler Deutsche.
Auch Kurt Tucholsky und Adelbert von Chamisso waren Schüler des Französischen Gymnasiums.

Am 1. Juli 1701 erfolgte die Grundsteinlegung für den Bau der ersten Kirche der französisch-reformierten Gemeinde auf dem Berliner Gendarmenmarkt. Am 1. März 1705 wurde die Französische Friedrichstadtkirche eingeweiht. Entstanden ist das Gotteshaus nach einem Entwurf von Jean Louis Cayart, dem der nach dem Revokationsedikt vollständig zerstörte Temple de Charenton als Vorbild diente.
Zwischen 1780 und 1785 erhielt die Französische Kirche den von Carl von Gontard entworfenen Turm.
Aber es entstanden auch soziale Einrichtungen, wie das Französische Hospital, ein Krankenhaus und Altersheim für mittellose Réfugiés sowie ein Kinderhospital, ein Waisenhaus, eine Suppenküche sowie eine Armenbäckerei.
Die Französische Holzgesellschaft verteilte alljährlich vor Wintereinbruch Brennholz an Bedürftige.

Auch an der Preußischen Akademie der Wissenschaften machte sich der Einfluss der Réfugiés bemerkbar. Architekten wie Jean Louis Cayart, Carl von Gontard, Jean de Bodt, David Gilly, Friedrich Gilly und Paul Ludwig Simon gestalteten das Stadtbild Berlins mit.
Auch der Schriftsteller Theodor Fontane, der "literarische Spiegel Preußens" hatte sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits hugenottische Vorfahren. Sein Großvater war Kabinettssekretär von Königin Luise. Die Schriftsteller Friedrich de la Motte Fouqué und Willibald Alexis hatten ebenfalls hugenottische Wurzeln.

Mit den Jahren wurden aus Fremde Freunde, was sich auch in der Berliner Mundart niederschlug: Buletten, Moneten, Muckefuck, Budike, Stampe, Klamauk, Kinkerlitzchen sowie plärren und etepetete, Schisslaweng, damang, jwd oder Bouillonkopp. Bei vielen Begriffen ist der Ursprung nicht mehr so eindeutig zu klären, aber es gibt sicherlich noch eine Menge Ausdrücke, die vom Französischen ins Deutsche übernommen wurde.

In Frankreich besserte sich die Lage der Protestanten erst 1787 durch das von Ludwig XVI erlassene Edikt von Versailles. Die vollen Bürgerrechte sowie das Recht auf freie Religionsausübung brachte ihnen aber erst die Französische Revolution. Am 26. August 1789 verkündete die französische Nationalversammlung die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte.

Fazit
Die Einwanderer aus Frankreich, aber auch die Einwanderer aus Böhmen und den Niederlanden, die zur gleichen Zeit ins Land kamen, schrieben für Berlin und Brandenburg eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Friedrich I und Friedrich Wilhelm I, der "Soldatenkönig", setzten diese Einwanderungspolitik fort und holten Fachkräfte aus Süddeutschland, Sachsen-Anhalt, der Schweiz und Salzburg ins Land.
Die meist gut ausgebildeten Immigranten machten sich um die Modernisierung des Kurfürstentums verdient und verhalfen ihm zu wirtschaftlichem und kulturellem Aufschwung.
Darauf aufbauen konnte schließlich Friedrich der Große, der Preußen zu einer europäischen Großmacht formte.

Anlässlich des 250-jährigen Jubiläums des Edikts von Potsdam wurde 1935 im Französischen Dom das Hugenottenmuseum eröffnet. Es gewährt einen Überblick über die Geschichte der Hugenotten in Frankreich, Berlin und Brandenburg und erzählt die Geschichte der Französischen Kirche.

Seitenanfang



[Home][Geschichte][Über mich][Fotos][Hohenzollern][Sightseeing][Links][Impressum][Sitemap]
Copyright (c) 2009 Brigitte Ferlet. Alle Rechte vorbehalten.