Gustav Stresemann
Gustav Stresemann wurde am 10. Mai 1878 in Berlin geboren und starb am 3. Oktober 1929, ebenfalls in Berlin.
Ausgerechnet er, ein ehemals glühender Anhänger der Monarchie, der die Großmachtträume von
Wilhelm II teilte und dessen Expansionspolitik befürwortete, sollte sich zum Retter der jungen Demokratie aufschwingen, die von Bürgerkrieg, einer galoppierenden Inflation und Adolf Hitler und seinen Nationalsozialisten bedroht wurde.
Stresemann, der von 1897 bis 1900 Nationalökonomie studiert hatte, war mit 28 Jahren der jüngste Abgeordnete im
Reichstag.
Im Jahre 1903 heiratete Stresemann Käte Kleefeld, eine jüdische Industriellen-Tochter und bekam mit ihr zwei Söhne.
Im selben Jahr trat er der Nationalliberalen Partei bei und wurde 1917 deren Vorsitzender.
Am 9. November rief
Karl Liebknecht vom Balkon des
Berliner Schlosses die "freie sozialistische Republik" aus.
Kurz zuvor hatte der SPD-Politiker
Philipp Scheidemann die Abdankung des Kaisers verkündet und von einem Fenster des Reichstages die "deutsche Republik" ausgerufen.
Im Februar 1919 tagte in Weimar die frei gewählte Deutsche Nationalversammlung mit dem Ziel, der jungen Republik eine Verfassung zu geben. Am 11. August, 70 Jahre nach der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, war es soweit: die erste demokratische Verfassung Deutschlands wurde verkündet. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte ging die Macht vom Volke aus, zum ersten Mal in der deutschen
Geschichte war die Regierung nicht der Krone sondern dem Volke verantwortlich.
Für die Flagge wählte man die Farben Schwarz-Rot-Gold, die schon seit der Zeit der
Befreiungskriege (1813-1815) als Symbol der nationalen Einheit Deutschlands galten.
Die Friedensverhandlungen zwischen Deutschland und den Siegern des Ersten Weltkrieges fanden im Spiegelsaal von Versailles statt, wo einst
Wilhelm I zum Deutschen Kaiser ausgerufen wurde und
Otto von Bismarck die Deutsche Einheit geschaffen hatte. Während die USA und Großbritannien moderate Forderungen an Deutschland stellten, wollte Frankreich seinen Erzfeind entscheidend schwächen. Die Vertreter der Weimarer Republik
mussten die alleinige Kriegsschuld anerkennen und harte Friedensbedingungen akzeptieren.
Stresemann lehnte diese Forderungen ab. "Wir sind vielleicht verloren, wenn wir den Frieden nicht unterzeichnen, aber wir sind sicher verloren, wenn wir ihn unterzeichnen".....
Gemäß Versailler Vertrag besetzen französische, britische und belgische Einheiten das Rheinland. Deutschland musste Kriegentschädigungen zahlen und verlor ein Siebtel seines Staatsgebiets. Elsass-Lothringen, Westpreußen, Posen und Teile von Oberschlesien.
Die auferzwungenen Friedensbedingungen wurden mit wütenden Protesten und einer wachsenden nationalistischen Strömung in der Bevölkerung aufgenommen. Putschversuche erschütterten die Republik und die extreme Rechte gab den Vertretern der Demokratie die Schuld an dem verlorenen Weltkrieg.
Ex-Finanzminister Mathias Erzberger und Außenminister
Walter Rathenau wurden ermordet. Angeblich seien Demokraten und Sozialisten den kämpfenden Truppen in den Rücken gefallen - die Dolchstoßlegende ward geboren.
Die Hetzkampagnen von rechts verfehlten ihre Wirkung nicht. Bei den ersten Reichstagswahlen verlor die Koalition aus SPD, Linksliberalen und Zentrumspartei die Mehrheit. Die von Stresemann mitbegründete und angeführte DVP (Demokratische Volkspartei), die eine parlamentarische Monarchie forderte, steigerte ihr Ergebnis von 4 auf 14 Prozent und wurde somit zum Zünglein an der Waage.
Stresemann, der begriffen hatte, dass Extremismus, egal ob von rechts oder links, den Staat unweigerlich in den Abgrund stürzen würde, war bereit, über seinen Schatten zu springen und Kompromisse zu schließen.
Das Krisenjahr 1923 wurde zur Bewährungsprobe. War bislang nur das Rheinland besetzt, so marschierten im Januar Franzosen und Belgier auch in das Ruhrgebiet ein. Offiziell wollten sie sich einen Pfand für ausstehende Kriegsentschädigungen sichern.
Berlin reagierte mit einem Aufruf zum passiven Widerstand, woraufhin 2 Millionen Arbeiter in den Ausstand traten. Um die Löhne der streikenden Arbeiter zu zahlen, wurde zusätzliches Geld in Umlauf gebracht, wodurch die Reichsmark mehr und mehr an Wert verlor.
Im Februar reiste Stresemann mit gefälschten Papieren in das Ruhrgebiet ein, um sich selbst ein Bild von der hoch explosiven Lage dort zu machen.
Im August 1923 trat die Regierung in Berlin wegen der Ruhrkrise zurück, was den Reichspräsidenten Friedrich Ebert vor die schwierige Aufgabe stellte, einen neuen Kanzler zu suchen. Seine Wahl fiel schließlich auf Stresemann, der das Amt mit ebensoviel Skepsis annahm, mit der es ihm von Ebert angeboten wurde.
Von politischem Selbstmord sprach Stresemann, wobei er nicht nur an die Ermordung von Erzberger und Rathenau dachte sondern auch an das endgültige Aus seiner politischen Karriere, sollte er scheitern. Und sein Scheitern schien vorprogrammiert angesichts der desolaten wirtschaftlichen und politischen Lage Deutschlands. Die Zukunft der Republik war ungewiss, die Stimmung explosiv und die Inflation erreichte schwindelerregende Höhen: ein Laib Brot kostete fast 280 Millionen Mark. Schon längst hatten die Bürger all
ihre Ersparnisse verloren und standen vor dem Nichts.
Als Stresemann am 6. Oktober im Reichstag den Abbruch des passiven Widerstands im Ruhrgebiet verkündete, wurde er zum meist gehassten Politiker des Reiches. Verrat an Deutschland wurde ihm vorgeworfen und Kapitulation vor den Franzosen.
Überall im Reich kam es zu Aufständen. So riefen Separatisten in Koblenz eine rheinische Republik aus und in Sachsen und Thüringen verbündeten sich SPD und Kommunisten.
Stresemann antwortete mit dem Einsatz der Reichswehr.
Die größte Gefahr für die Weimarer Republik aber kam aus München, wo die bayrische Regierung gegen die Republik in Berlin mobilmachte, sich die Reichswehrgruppen im Land unterstellte und sich mit den sogenannten vaterländischen Verbänden zusammentat. Dies war eine Gelegenheit, die sich Adolf Hitler und die NSDAP nicht entgehen lassen wollten.
Eine von Gustav von Kahr initiierte Veranstaltung am 8. November im Münchner Hofbräukeller nutzte Hitler und erklärte die Regierung in Berlin für abgesetzt.
Die von den Putschisten ausgerufene Regierung wurde unterzeichnet von Hitler, Ludendorff, von Kahr und General von Lossow, der in der Putschregierung das Amt des Reichswehrministers bekleiden sollte.
Noch in derselben Nacht kam es in Berlin zu einer Krisensitzung, an der Stresemann und Ebert teilnahmen. Beiden war klar, dass nur ein Einziger diesen Putsch aufhalten konnte: General von Seeckt, der Chef der Heeresleitung der Reichswehr, der noch kurz zuvor jegliche Unterstützung für die Regierung abgelehnt und Stresemann den Gehorsam verweigert hatte.
Als Seeckt erfuhr, dass sein politischer Gegner General a.D. Ludendorff - während des Krieges Chef der Obersten Heeresleitung und nach dem Krieg Anhänger der völkischen Bewegung - sich an die Spitze dieses Putsches gestellt hatte, war er bereit, sich auf die Seite von Stresemann zu schlagen, woraufhin ihm Stresemann umfassende Vollmachten erteilte.
Hitler und Ludendorff marschierten zusammen mit 2000 bewaffneten Anhängern auf die Feldherrnhallte. Polizisten versperrten den Putschisten den Weg. 4 Polizisten und 16 Putschisten kamen ums Leben.
Ludendorff wurde später freigesprochen und Hitler, der zunächst geflüchtet war, bereits nach 13 Monaten aus der Haft entlassen.
Unter den Nationalsozialisten wurde der gescheiterte Putschversuch zu einer Heldentat verklärt und alljährlich am 9. November der getöteten "Märtyrer" gedacht.
Nur wenige Tage nach dem gescheiterten Hitler-Putsch machte sich Stresemann an den nächsten Kraftakt - er führte die Rentenmark ein. Für 1 Billion Papiermark gab es 1 Rentenmark.
Obwohl Stresemann die Republik aus ihrer schwersten Krise geführt hatte, geriet er im Reichstag erneut unter Druck. Am 23. November stellte Stresemann die Vertrauensfrage, da sich die SPD von ihm trennte, weil er die Reichswehr in das rote Thüringen und Sachsen einmarschieren ließ. Die Deutschnationalen versagten ihm die Gefolgschaft, weil er den Ruhrkampf aufgegeben hatte.
Stresemann verlor die Abstimmung mit 156 zu 231 Stimmen, was Friedrich Ebert mit seiner SPD hadern ließ: "Was Euch veranlasst, den Kanzler zu stürzen, ist in sechs Wochen vergessen, aber die Folgen Eurer Dummheit werdet Ihr noch zehn Jahre lang spüren!"
Eigentlich wollte sich der an der Basedowschen Krankheit leidende Stresemann endgültig aus der Politik zurückziehen, aber da wurde er zum Außenminister berufen. Strenge Selbstdisziplin und der unbedingte Wille zur Pflichterfüllung veranlassten ihn schließlich zur Wiederkehr auf die politische Bühne.
1924 erreichte Stresemann mit Hilfe der Amerikaner eine Reduzierung der Reparationsleistungen und er suchte die Annäherung an Frankreich, um die außenpolitische Isolation Deutschlannds zu beenden. Auf der Locarno-Konferenz im Jahr 1925 verzichtete Stresemann endgültig auf Elsass-Lothringen. Im Gegenzug stellte sein französischer Amtskollege Aristide Briand, der ebenfalls einen Neuanfang zwischen den beiden Nationen wollte, den Abzug seiner Truppen aus Deutschland in Aussicht.
1926 wurde Deutschland auf Stresemanns Betreiben und mit Hilfe von Briand Mitglied im Völkerbund. Somit war Deutschland nach acht Jahren Isolation wieder vollwertiges Mitglied der internationalen Völkergemeinschaft.
Stresemanns Worte zu diesem Anlass waren ein Auruf zum friedlichen Miteinander unter den Nationen: "Der göttliche Baumeister der Erde hat die Menschheit nicht geschaffen als ein gleichförmiges Ganzes [.....] Aber es kann nicht der Sinn einer göttlichen Weltordnung sein, daß die Menschen ihre nationalen Höchstleistungen gegeneinanderkehren und damit die allgemeine Kulturentwickltung immer wieder zurückwerfen. Der wird der Menschheit am meisten dienen, der, wurzelnd im eigenen Volke, das ihm seelisch und
geistig
Gegebene
zur höchsten Bedeutung entwickelt und damit, über die Grenze des eigenen Volkes hinauswachsend, der gesamten Menschheit etwas zu geben vermag [.....].
Für den Beitrag zur Völkerverständigung erhielt Stresemann am 27. November 1926 zusammen mit dem französischen Außenminister Aristide Briand den Friedensnobelpreis. Damit war Gustav Stresemann die erste deutsche Persönlichkeit, der diese Ehre zuteil wurde.
Am 27. August 1928 unterzeichnete Stresemann für das Deutsche Reich den Briand-Kellogg-Pakt. Diesem Nichtangriffsbündnis schlossen sich insgesamt 63 Staaten an.
1929 versprach Aristide Briand, binnen eines Jahres die französischen Truppen aus Deutschland abzuziehen, wenn Berlin im Gegenzug einer endgültigen Regelung der Kriegsentschädigung zustimmte.
Die Ultrarechten in der Regierung, die nur die Kosten sahen, aber nicht die Vorteile, starteten eine wilde Hetzkampagne gegen Stresemann. "Bis in die dritte Generation müsst Ihr frönen" agitierte der Verleger Alfred Hugenberg, Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei, auf Plakaten und Flugblättern. Unterstützung erhielt er von Franz Seldte, Vorsitzender des Stahlhelm, einer paramilitärischen Organisation ehemaliger Frontsoldaten und Adolf Hitler.
Am 3. Oktober 1929 starb Gustav Stresemann
nach langer Krankheit an einem Schlaganfall. Der Leichnam wurde im Reichstag aufgebahrt und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zu Grabe getragen. Hunderttausende begleiteten den Trauerzug vom Reichstag durch das
Brandenburger Tor bis zum Luisenstädtischen Friedhof, wo er heute ein Ehrengrab des Landes Berlin hat.
"Es grenzte an Heldenmut, wie er unermüdlich für sein Volk im Schatten des Todes, den wir alle die Hand nach ihm ausstrecken sahen, weiter arbeitete und plante" - mit diesen Worten zollte der britische Schatzkanzler seinen Respekt und seine Anerkennung für den in Deutschland oft so unpopulären und verkannten Staatsmann.
Stresemann selbst äußerte sich zu diesen ständigen Anfeindungen einmal mit folgenden Worten: "Zu wissen, daß man recht hat, dass man nicht anders handeln konnte, als man handelte und sich auf einmal ganz allein zu finden, verhaßt, geschmäht, verleumdet - sich zu fragen, wie soll man dem Irrtum eines ganzen Volkes standhalten, wie soll man beweisen, dass man als einzelner sich nicht geirrt hat - es ist die schwerste Prüfung, die einem das Schicksal auferlegt. Ich war mir bewusst, dass ich in dem Augenblick
damit nicht
nur vielleicht
die eigene Stellung in der Partei, sondern das Leben auf das Spiel setzte. Aber was fehlt uns im deutschen Volk? Und fehlt der Mut zur Verantwortlichkeit".
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