Rahel
Rahel Varnhagen von Ense wurde am 19. Mai 1771 als Tochter des jüdischen Bankiers und Juwelenhändlers Markus Levin und seiner Frau Chaie Levin in Berlin geboren und starb am 7. März 1833, ebenfalls in Berlin.
Sie setzte sich für die Emanzipation von Juden und Frauen ein, führte Tagebücher, verfasste zahlreiche Aphorismen, schrieb über 6000 Briefe und leitete Ende des 18. Jahrhunderts einen bedeutenden literarischen Salon.
Rahels Vater, der einen Schutzbrief von
Friedrich dem Großen besaß und somit zu den privilegierten Juden gehörte, erzog seine Tochter zwar ohne religiösen Zwänge, dennoch war die Erziehung streng und autoritär. Da zu Hause fast nur hebräisch gesprochen wurde, war Rahel gezwungen, deutsch und französisch anhand von Büchern zu erlernen. Früh schon kam sie mit dem Theater in Berührung, da in ihrem Elternhaus oft Schauspieler aus dem nahegelegenen
Schauspielhaus
verkehrten.
Da Rahel auf Grund ihrer jüdischen Herkunft die Türen der angesehenen Gesellschaft verschlossen blieben, lud sie in ihrem Salon selbst die großen und klugen Köpfe jener Zeit ein, die Vor- und Querdenker, die Rebellischen und Unzufriedenen, die Künstler und Aristokraten. Zu ihren Gästen zählten u.a. Jean Paul, Ludwig Tieck, Ernst von Pfuel, Friedrich Schlegel,
Wilhelm von Humboldt, Friedrich de la Motte Fouqué, Friedrich Schleiermacher, Johann Gottlieb Fichte, Adelbert
von Chamisso, Heinrich Heine, Johannes
von Müller, Friedrich von Gentz, Graf Hugo von Salm und Prinz Louis Ferdinand von Preußen aus dem Hause
Hohenzollern, der einer ihrer engsten Freunde wurde.
Obwohl ihr Salon bald zur angesagtesten Adresse der Stadt wurde, blieb Rahel als Frau und als Jüdin Vorurteilen ausgesetzt. Deshalb verfluchte sie ihre jüdische Herkunft und bezeichnete sich als falsch Geborene, als Pechvogel und sah ihr Leben als eine einzige Verblutung.
Ihr Traum, einen christlichen Aristokraten zu heiraten, um dadurch endlich als echte Deutsche anerkannt und respektiert zu werden, schien sich zu erfüllen, als sie sich mit Karl Graf von Finckenstein verlobte. Doch der Auserkorene bekam kalte Füße und ließ seine Verlobte sitzen. Darüber war Rahel so verbittert, dass sie Berlin verließ.
Im Sommer 1800 reiste Rahel nach Paris, wo sie sich als Jüdin nicht den gewohnten Diskriminierungen ausgesetzt sah. Sie ließ sich mitreißen von dem Feuer der Revolution, sie war begeistert von den Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und sie war angetan von Napoleon, der ein Land Europas nach dem anderen eroberte.
Rahel begann eine leidenschaftliche Affäre mit einem französischen Kaufmann.
Im Frühjahr 1801 traf sie zufällig Pauline Wiesel, die aus einer wohlhabenden Hugenottenfamilie stammte und die sie flüchtig aus Berlin kannte. Die zum Grübeln veranlagte Rahel und die lebenshungrige und stets unbekümmerte Pauline ergänzten sich auf wunderbare Weise. Die beiden Frauen nannten sich Ralle und Pelle und schlossen eine innige, lebenslange Freundschaft.
Schon bald zog es Rahel zurück nach Berlin, wo sie erneut einen Salon eröffnete.
Dort traf sie auch ihren Freund und engsten Vertrauten, Louis Ferdinand (1772-1806) wieder, ein Neffe von Friedrich dem Großen und ein Cousin von König
Friedrich Wilhelm III.
Er war gutaussehend, großzügig und begegnete seinen Mitmenschen stets freundlich und ohne Vorurteile. Schon als Kind war der Prinz, der im
Schloss Friedrichsfelde aufwuchs, rebellisch und zeigte ein freigiebiges und mifühlendes Wesen, das bei seinen Eltern auf völliges Unverständnis stieß.
Zwar war er am königlichen Hofe wegen seiner unkonventionellen Ansichten und seines verschwenderischen Lebensstils nicht gern gesehen, von der Damenwelt wurde er aber umso mehr verehrt und geliebt und so war die Liste seiner amourösen Eroberungen lang.
Zudem begeisterte der Prinz durch sein überaus virtuoses Klavierspiel, das selbst bei Beethoven auf Anerkennung stieß.
1804 besuchte Pauline, die von ihrem Mann getrennt lebte und eine Tochter aus einer außerehlichen Affäre hatte, ihre Freundin Rahel, um in ihrem Salon den Frauenliebling Louis Ferdinand kennzulernen. Es entflammte eine leidenschaftliche, wenn auch nicht immer unkomplizierte Liebesbeziehung. Louis Ferdinand lebte in Magdeburg, dem Sitz seines Regimentes, mit Henriette Fromme, der Mutter von zwei seiner drei Kinder, in wilder Ehe zusammen. Aber auch Pauline hatte wechselnde Affären.
Im August 1806 befahl Friedrich Wilhelm III die Mobilmachung. Louis Ferdinand erhielt das Kommando über die Divison der Avantgarde der Armee Hohenlohe. Bevor er ins Feld zog, verbrannte er Rahels Briefe, damit sie nicht in falsche Hände geraten konnten.
Am Oktober 1806 fiel Lous-Ferdinand im Gefecht bei Saalfeld.
Selbst Napoleon fand anerkennende Worte für den Gefallenen und lobte dessen Tapferkeit und Rechtschaffenheit.
1806 marschierte Napoleon durch das
Brandenburger Tor nach Berlin ein. König Friedrich Wilhelm der III und seine Gemahlin
Luise hatten die Stadt längst verlassen.
Nach dem Tod des Prinzen trennten sich die Wege von Rahel und Pauline, aber sie pflegten einen intensiven Briefwechsel. Pauline ging nach Paris, wo sie Jahre später den Schweizer Offizier Jules Michel Vincent heiratete.
Rahel heiratete im September 1814 den Diplomaten, Historiker und Publizisten Karl August Varnhagen von Ense und konvertierte zum Christentum.
Beerdigt wurde Rahel auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof in Berlin-
Kreuzberg, wo sie ein Ehrengrab ihrer Heimatstadt erhielt.
Nach ihrem Tod wurden viele ihrer rund 6000 Briefe in einem Buch veröffentlicht "Rahel - Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde".
Rahel Varnhagen gilt als Schriftstellerin, obwohl sie niemals einen Roman veröffentlicht hat.
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